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Erleuchtung, Sex & Coca-Cola

GOLDMANN-Verlag
ISBN 3-442-33724-0
Preis: € 19,90

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Erleuchtung, Sex & Coca-Cola

Aus dem Buch:

Vorwort

Wir haben unseren spirituellen Weg begonnen, weil wir mit dem Leben, so wie wir es bisher gelebt haben, nicht glücklich waren. Irgendetwas hat uns große Schmerzen bereitet und uns tief nach innen gezwungen. Dabei haben wir nicht nur unsere Umgebung, sondern auch uns selbst untersucht und versucht, mit Gottes Hilfe neue Wege zu gehen.
Als ich anfing, mich auf meinen spirituellen Weg zu machen, hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie er denn aussehen würde: Er wird wahrscheinlich am Anfang recht steil bergauf gehen, was natürlich zu Beginn sehr anstrengend sein wird, aber dann, wenn ich gelernt habe, wie man »richtig« betet, »richtig« meditiert und »richtig« lebt, wird es ein gerader, herrlicher Spaziergang sein. Meine Mitmenschen werden voller Erstaunen daneben stehen und sich wundern, warum bei mir alles so gut klappt. Ich werde natürlich immer gesund, immer erfolgreich, immer strahlend und immer liebevoll sein. Ich werde in mir ein Gefühl völligen Friedens verspüren – schließlich will man ja nicht umsonst so lange meditiert haben –, und nichts, aber auch gar nichts wird mich aus der Ruhe bringen. Falls sich doch gelegentlich ein Schicksalsschlag in meine Gegend verirren sollte, werde ich den mit den nötigen Gebeten in etwas harmlosere Schranken verweisen oder – je nachdem – so schnell wie möglich meine Lehren daraus ziehen und dann weiterhin dem herrlichen Sonnenuntergang oder Sonnenaufgang entgegengehen: Selbstverständlich singend und in ewiger Glückseligkeit.
Gut, nicht wahr?
»Ha!«, wird sich da der liebe Gott schmunzelnd gedacht haben. »Das wäre doch aber zu langweilig. Bist du nicht hier auf Erden, um zu leben?«
Und meine Antwort hätte ungefähr so gelautet: »Gegen das Leben habe ich ja im Prinzip nichts einzuwenden, aber gegen die Aufregungen und gegen die Gefühle, dagegen möchte ich mich absichern.«

Herausforderungen, wie Stolpersteine, liegen nicht deswegen auf unserem spirituellen Weg, weil Gott gern zuschaut, wenn wir uns anstoßen. Sie liegen da, damit wir auf sie aufmerksam werden. In vielen Fällen, damit wir uns die Demut bewahren. Denn gerade auf unserem Weg zu Gott häufen sich die Gefahren der Arroganz, der Rechthaberei und der Intoleranz. Wir sind so begeistert von unserem neuen Weg und unseren neuen Erfahrungen, dass wir entweder mitleidig oder belehrend (mit allen Schattierungen, die es dazwischen gibt) auf unsere ungläubigen Zeitgenossen blicken und ihnen Ratschläge erteilen.
Meistens ungefragt, wie zum Beispiel im folgenden Fall.

Eine Besucherin meiner Erlebnisabende fragte mich einmal den Tränen nahe, ob ich sie denn auch umarmen würde, obwohl sie so eine schlechte Aura habe. Wie sie denn darauf komme, fragte ich sie. Sie erzählte mir, dass sie vor ein paar Monaten im Zug war und es neben ihr nur noch einen einzigen freien Platz gegeben habe. Sie beobachtete, wie eine Frau das Abteil auf und ab ging, um offensichtlich nach einem anderen Platz zu suchen, da sie den neben ihr anscheinend nicht nehmen wollte. Da aber nun wirklich kein anderer mehr frei war, setzte sie sich zögernd dorthin.
Nach kürzester Zeit begann sie ein Gespräch, das mit der folgenden Aussage einen entsetzlichen Abschluss fand: »Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich mich doch sehr ungern neben Sie setze. Sie haben einfach eine furchtbar schreckliche Aura. Da sollten Sie mal was dagegen tun.«
Monate (!) später hat das meine Besucherin noch beschäftigt.
Ich konnte an ihrer Aura nichts Schreckliches finden.

Nach über zehn Jahren intensiven spirituellen Trainings bin ich an einer Wegkreuzung angekommen. Vieles habe ich erfahren und lernen dürfen, und doch fehlt es mir an einigem.
Ich habe dieses Buch aus drei Gründen schreiben wollen: Einmal ist es für diejenigen gedacht, die gerade ihren spirituellen Weg beginnen. Die sich einer ungeheuren Masse an Informationen und Erfahrungen gegenübergestellt sehen und befürchten, entweder Fehler zu machen oder irgendwelchen Scharlatanen auf den Leim zu gehen. Fehler sind meiner Meinung nach unglaublich wichtig, denn sie helfen uns, bedeutsame Erfahrungen zu sammeln. Wir bezeichnen die Erfahrungen als »Fehler«, die uns Ergebnisse bringen, welche wir so nicht erwartet haben. Doch häufig sind es genau ebenjene Resultate (diese Fehler also), die uns helfen, uns darüber klar zu werden, was wir eigentlich wollen.
Natürlich ist es auch sehr wichtig, sich nicht jedem anzuvertrauen, der einem ein Weiterkommen auf dem Weg zur Erleuchtung verspricht. Wir müssen den Verstand eingeschaltet lassen. Und nur weil jemand etwas von Kristallen, elektromagnetischen Frequenzen und Feng Shui versteht, heißt dies noch lange nicht, dass man sein Leben in seine Hände legen soll. Im Gegenteil, der spirituelle Weg verlangt ein hohes Maß an Scharfsinn und kritischer Aufmerksamkeit. Denn jeder Lehrer und jede Lehrerin, die sich uns anbieten, haben auch immer selbst etwas zu lernen.
Ich war auf meinem spirituellen Weg bisher sehr zielstrebig. Ein bisschen zu zielstrebig, wie ich jetzt herausfinden durfte; denn damit ging auch eine gewisse Engstirnigkeit einher. Aber das kann man natürlich im Rückblick sehr viel leichter feststellen.

Während ich mich auf dieses Buch vorbereitete und mir überlegte, was denn alles mit hineingehört, kam mir plötzlich in einer Meditation der Gedanke, meine Familie und meine Freunde zu fragen, was sie denn am meisten an meinem spirituellen Weg gestört hat. Viele von ihnen haben ihn von Anfang an miterlebt und sind mit Entsetzen oder mit Staunen davorgestanden. Sie mussten am eigenen Leib erfahren, was es heißt, in meiner Nähe zu sein. Jemanden um sich zu haben, der nur noch ein Gesprächsthema kennt: Gott.
Vielleicht hilft es Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, durch deren Erzählungen mehr Verständnis für Ihr eigenes Umfeld zu bekommen: für Ihren Ehemann beziehungsweise Ihre Ehefrau, Partner(in), Kinder, Arbeitskollegen, Mutter, Vater, Geschwister, Freunde … Das war der zweite Grund für dieses Buch. Vielleicht, das wünsche ich mir sehr, inspiriert es Sie auch zu einer Leichtigkeit, die mir nicht gelang.
Als ich meine Freunde ansprach, etwas für mein Buch zu schreiben, bat ich sie um Folgendes:

»In meinem neuen Buch würde ich gern eure Gedanken oder Erlebnisse mit dabeihaben. Der Gedanke dieses Buches ist es, großzügiger mit uns selbst und verständnisvoller mit den Menschen in unserer Umgebung umzugehen. Oftmals fällt uns erst im Nachhinein auf, wie genervt unsere Mitmenschen durch uns waren. Besonders in den extrem intensiven Jahren unseres spirituellen Wachstums. Mein Gedanke dabei ist, dass ihr aus eurer Sicht die besonders anstrengenden Phasen beschreibt. Nicht nur eure eigenen, sondern auch die, die ihr an mir oder anderen beobachtet habt. Es geht also um zwei Aspekte, über die ihr schreiben könnt. So lang oder so kurz, wie ihr wollt. Sie werden nicht verändert, sondern nur (falls notwendig) übersetzt.
Die Erfüllung der ersten Bitte sollte euch wahrscheinlich am leichtesten fallen: Schreibt auf, was euch während meines spirituellen Wegs besonders an mir genervt hat (keine Zurückhaltung bitte!). Zweitens irgendwelche ungewöhnlichen, lustigen, warnenden spirituellen Erfahrungen, die ihr selbst gemacht habt. Dazu gehört natürlich auch die Frage (rückblickend euren eigenen spirituellen Weg betrachtend): Wo hättet ihr im Nachhinein großzügiger mit euch selbst sein können? Wo, scheint es euch heute, habt ihr euch Sachen ab- und angewöhnt, die so nicht notwendig waren?«

Langsam, sehr, sehr langsam, trudelten die ersten Briefe und E-Mails ein. Und viele musste ich gleich wieder zurückschicken, weil sie so liebevoll geschrieben waren, dass ich mir wie auf meiner eigenen Beerdigung vorkam. Die größte Herausforderung dabei stellte sich meinen spirituellen Freunden. Da sie ja fast zur gleichen Zeit durch ähnliche Erfahrungen gegangen waren – und im Zweifel vergleichbar nervig für ihr Umfeld waren wie ich –, fiel ihnen meine Seltsamkeit natürlich nicht auf. Sie waren ja ähnlich »seltsam«.
Es gab da gelegentlich einige Aspekte in den Geschichten, die meine Freunde geschrieben haben, an die ich mich kaum erinnern konnte. Und wie immer geht es natürlich auch in diesem Austausch nicht anders: Was man denkt, zu sagen, was man sagt und was die anderen hören, sind drei verschiedene Dinge. Trotzdem war es mir wichtig, nichts zu verändern. Schließlich sind es die Eindrücke meiner Freunde, die sich in ihrem Gedächtnis so abgespeichert haben.
Viele Erlebnisse, die ich beschreibe, sind jetzt, im Nachhinein betrachtet, einfach nur lustig. Und vielleicht mag Ihnen mein neues Buch auf den ersten Blick nicht »ernsthaft« genug sein. Dennoch hat jede Erfahrung eine Lehre für mich hinterlassen. Und ich wünsche mir, dass Sie auch hier die Liebe zu Gott, die gebotene Ernsthaftigkeit sowie die nötige Leichtigkeit und den Wunsch nach einem tiefen Austausch finden werden.

Der dritte Grund für dieses Buch sind die Herausforderungen spiritueller Lehrer. Jeder, der als Schüler begann (und natürlich immer irgendwie Schüler bleiben wird), ist auch ein Lehrer. Andere fühlen sich angezogen und suchen nach Informationen, Liebe, Zuneigung, Offenheit. Diese Phase ist eine große Herausforderung auf unserem Weg. Ich hatte bisher grandiose Lehrer – und habe von allen viel gelernt. Von einigen lernte ich, dass ich nicht auf sie hören soll, was ja auch immer eine sehr gute Lektion ist.
Wie heißt es so treffend: Man lehrt immer, was man selbst noch lernen will. Dem kann ich mich nur aus vollstem Herzen anschließen. Ich selbst bevorzuge es allerdings, Schüler zu sein. Ich finde das einfach sehr viel spannender.

Dieses Buch beschreibt die Herausforderungen auf dem spirituellen Weg, und so habe ich mich beim Schreiben genau darauf konzentriert. Das heißt, der Inhalt unterscheidet sich von meinen früheren Büchern besonders dadurch, dass ich beschreibe, was meiner Meinung nach nicht funktioniert. Natürlich gibt es Hunderte von Erlebnissen, die großartig waren. Tausende von Meditationen, die mir tiefen Frieden geschenkt haben, und jede Menge Menschen, denen ich unendlich dankbar bin, weil sie mir viel beigebracht haben und ich durch sie viel Liebe erfahren durfte. Ich habe keine Sekunde auf meinem spirituellen Weg bereut.

Irgendjemand sagte mir mal, dass das Wichtigste, was jemand geben kann, seine Zeit ist. Ich möchte mich bei Ihnen herzlich für Ihre Zeit bedanken, die Sie sich für mein Buch nehmen.

Gott segne Sie.
Mai 2004
Sabrina Fox

1. Kapitel

Andere überzeugen wollen

Die Dame, die da neben mir im Flugzeug saß, wollte reden. Sie schaute mich aufmunternd an, und ich begrüßte sie höflich. Ich hoffte, dass man mir meine Abneigung einem Gespräch gegenüber nicht ansah. Ich wollte sie schließlich nicht verletzen.
Wenn ich allein fliege, genieße ich die Stille und Ruhe auf so einem Elf-Stunden-Flug von Los Angeles nach Deutschland. Gott sei Dank in der Business Class, freue ich mich an jeder Minute, in der ich mich um nichts kümmern muss. Im Gegenteil, die wunderbaren Flugbegleiter der Lufthansa sorgen dafür, dass ich mit allem versorgt bin.

Ich hatte ein Buch dabei, ebenso meine Musik, und bereitete mich darauf vor, mich durch sämtliche deutschen Magazine durchzuschmökern. Von Spiegel über Stern, von Focus über Bunte, von Gala über Brigitte und sogar Cosmopolitan und GQ – man kann ja stets noch was dazulernen. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass ich neunzig Prozent der porträtierten Menschen in Deutschland nicht mehr kenne. Sechzehn Jahre Amerika verwischen Spuren.
Doch an meinem gemütlichen Schmökern wurde ich durch die Sitznachbarin erst mal gehindert. Was ich denn so mache, wollte sie wissen, und ich zögerte mit der Antwort.

Noch vor Jahren wäre ich begeistert gewesen: ein weiteres Opfer! Natürlich hätte ich es nicht so genannt, aber dies wäre für mich wieder mal eine herrliche Gelegenheit gewesen, über mein Lieblingsthema »Gott« zu reden. Natürlich, war ich mir sicher, hatten da meine Engel ihre Hand im Spiel. Wahrscheinlich brauchte diese Frau Hilfe und hatte vielleicht sogar ihren Glauben verloren; und so wurde ich neben sie gesetzt, um ihr zu helfen.
Ich hätte ohne Punkt und Komma über Gott, Engel, spirituelles Wachstum, Visionquests (die Suche nach Visionen durch Naturerlebnisse) und heilige Pfeifen geredet, bis die Frau neben mir entweder begeistert gewesen wäre oder sich schleunigst hinter die Schlafbrille geflüchtet hätte.

Mich hatte damals, von 1993 an, sonst nichts mehr interessiert – meine Tochter mal ausgenommen. Ich kannte kein anderes Gesprächsthema, und ich hatte auch kaum mehr Freunde, deren Lebenszentrum nicht Gott war. Wer mit mir zusammen war – oder sich unglücklicherweise gerade in meiner Nähe befand –, wurde zwangsläufig überrannt. Zumindest bot ich eine Umarmung an, manchmal legte ich die Hand auf, gemeinsam wurde gebetet oder gelegentlich auch mal für zwanzig Minuten meditiert. Natürlich empfand ich mich überhaupt nicht als anstrengend oder stur. Diejenigen, die am anstrengendsten und stursten sind, sehen sich nie so. Selbstschutz, nehme ich an. Oder Blindheit. Ich wollte ja nur helfen! Die anderen werden mir eines Tages schon dankbar sein …
Obwohl ich auf Dankbarkeit nicht mal so aus war. Ich wollte einfach nur möglichst vielen Menschen das geben, was ich für mich gefunden hatte: eine Rückkehr zu Gott und damit einen besseren Weg zum Leben. Irgendwann einmal, so hoffte ich, wird das Samenkorn, das ich jetzt lege, seinen Weg ins Wachstum finden. Darin zumindest hatte ich ein gewisses Gottvertrauen.
Der Weg von der Begeisterung für ein bestimmtes Thema bis hin zur Besessenheit ist nicht sehr weit. Die Geschichte unseres Planeten ist voller Beispiele von Fanatikern. Natürlich war ich keiner! Selbstverständlich nicht! Ich war ja schließlich friedlich. Höflich. Freundlich. Normal.
Nun ja, was ist schon normal?
Natürlich entgingen mir nicht die immer weiter aufgerissenen Augen meiner Gegenüber, wenn ich mal wieder zu lange über mein Thema sprach. Mein damaliger Mann Richard, der mit Gott wenig anfangen konnte und mit meiner Besessenheit schon gleich gar nichts, schüttelte häufig genervt den Kopf.
Niemand, der irgendwie in meine Nähe kam, wurde verschont.
Ich betete mit Menschen, die nicht beten wollten.
Ich erklärte Leuten das Leben von Jesus, wie ich es sah, die es nicht erklärt haben wollten.
Ich erzählte von Channelings, früheren Leben und was diverse Krankenheiten spirituell bedeuten, und der andere wollte nur wissen, ob man, wenn man rechts abbiegt, zum Bahnhof kommt.

Die Frau im Flugzeug neben mir fragte mich nochmal, was ich denn beruflich mache, und ich sagte ihr zögernd, dass ich Bücher über Spiritualität schreibe. Neugierig schaute sie mich an, und ich merkte, dass sie sich gedanklich ihren Fragenkatalog zurechtlegte.
Das hatte ich befürchtet. Ich begann mich unwohl zu fühlen. Jahrelang hatte es mir großen Spaß gemacht, über Gott zu reden oder über meine Bücher. Doch das ist nicht mehr so.

Ich erinnerte mich daran, wie ich vor ein paar Jahren beschlossen hatte, meine Belehrungen endlich abzulegen. Ich gewöhnte mir an, nur in kurzen Sätzen zu antworten. Früher benutzte ich jede Gelegenheit, um ohne Pause selbst auf die harmloseste Frage ewig lang und mit prall gefüllten Sätzen einzugehen. In meine Antworten schob ich geschickt weitere spirituelle Informationen hinein – natürlich immer ungefragt. Zum Beispiel erklärte ich auch gleich in diversen angefügten Halbsätzen, was der Sinn der Lebens ist, wie die Welt funktioniert oder warum Reinkarnation so wichtig ist. Wenn der andere nur den »Fehler« machte, sich irgendwie weiter interessiert zu geben (und ich nahm jedes auch noch so kleine Zeichen als höchstes Interesse wahr, selbst ein verzweifelt gemurmeltes »Hm«), fuhr ich mit meinen Ausführungen fort.
Später ermöglichten es meine kurzen Antworten dem Gesprächspartner hingegen, sich darüber klar zu werden, ob er denn wirklich mehr von mir hören wollte. Manche mochten es, manche mochten es nicht. Irgendwann gelang es mir, das einfach so hinzunehmen. Ohne Beurteilung, wie »weit« der andere denn spirituell sei.

So erwiderte ich auch die erste Frage meiner Nachbarin im Flugzeug (»Wie sind Sie denn dazu gekommen, Bücher über Spiritualität zu schreiben?«) mit einem kurzen »Durch Schmerzen«.
Ich konnte sofort sehen, dass sie mehr wissen wollte, deshalb gab ich auch zögernd die Antworten auf ihre nächsten Fragen.
Ich hatte sechs Monate zuvor endlich beschlossen, mir zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben eine zweijährige Arbeitspause zu gönnen, und wollte nicht über meine spirituelle Arbeit reden. Ich hatte es schon Tausende Male getan. Ich war in meinem Sabbaticaljahr und wollte über andere Dinge reden. So sagte ich es ihr einfach.
Sie war überrascht.
Ich war erleichtert.
»Das ist aber ungewöhnlich«, meinte sie nach einer kurzen Pause, »die meisten Leute, die sich mit Gott beschäftigen, sind immer ein bisschen – na, wie soll ich sagen? – belehrend«, fügte sie fast entschuldigend hinzu.
»Ja«, seufzte ich, »schrecklich. Da kannte ich auch mal eine …«

Erlebnisse

Meine Schwester Susanne Adlmüller gibt Energie-Ganzkörpermassagen, ist Dozentin an der Paracelsusschule, leitet Visionquests und Seminare, organisiert Touren für spirituelle Lehrer wie Samantha Khury (die mit Tieren kommuniziert) und Sharon Walker (Energiearbeiterin), weiterhin kümmert sie sich auch um unser Büro in München und arbeitet als Supervisorin im Castingbereich. Susanne ist vier Jahre jünger als ich, hat eine erwachsene verheiratete Tochter Beatrice und wird jetzt bald Oma, worauf sie unsagbar stolz ist. – Sie schreibt:

»Am Anfang war das Missionieren.
In der Zeit konnte man Sabrina nichts erzählen, ohne sofort den ultimativen Ratschlag zur Veränderung seines Lebens zu erhalten. Nicht, dass ich keine Ratschläge mag, aber immer, bei jeder Gelegenheit, hm … Das hielt sich am längsten.

›Der heilige Blick‹ oder ›Das selige Lächeln‹.
Das gehört auch zur Anfangsphase. Ein sanftes Lächeln im Gesicht mit einem Blick, dass man meinen konnte, die Heiligsprechung durch den Papst sei schon vollzogen worden.
Wenn Sabrina in München ist, wohnt sie bei mir; sie hat dort ein eigenes Zimmer, das sie auch selbst eingerichtet hat. Ich wohne in einem alten Bauernhof, den ich sehr liebe, der aber auch sehr hellhörig ist.
Ich bin bekennender Fernsehschauer. Mit Sabrina war es schwierig, fernzusehen.
Sobald etwas ansatzweise brutal war oder Action hatte, floh sie regelrecht aus dem Zimmer, und es hallte Meditationsmusik, bevorzugt von Enya, durchs Haus. Ich hab mir dann angewöhnt, mit Kopfhörern fernzusehen, denn jedes noch so kleine Geräusch von Action hatte die Folge, dass Sabrinas Stimme von oben den ultimativen Satz ›Kannst du leiser machen?‹ sprach. Andere Musik gab es bei ihr auch kaum mehr. Die Phase ist Gott sei Dank vorbei.

Essen und Trinken.
Sabrina in München bedeutete immer Coca-Cola und Spezi, Semmeln mit warmem Leberkäs’, Hofpfisterei-Brot und Bierschinken. Das war immer so, bis die große Veränderung stattfand. Ich hatte, wenn sie zu Besuch kam, diese Sachen vorher eingekauft.
Auf einmal erklärte sie, dass sie keine Getränke mit Kohlensäure mehr trinkt. Also besorgte ich beim nächsten Mal statt Coca-Cola Wasser.
Dann erklärte sie, dass sie kein Fleisch mehr isst, sondern nur noch Fisch. Also besorgte ich, bevor sie kam, Fisch.
Das ging einige Jahre ganz gut, bis sie alles änderte und wieder Fleisch aß. Spezi und Coca-Cola trinkt sie inzwischen auch wieder. Die Zeit ohne Alkohol ist ebenfalls vorbei; und ich genieße es sehr, mit ihr abends ein Glas Wein zu trinken.

Rauchen.
Das war sehr nervig. Bei jeder Zigarette (und ich weiß, dass es schädlich ist und stinkt und, und, und …) das ultimative Augenbrauenhochziehen. Dann die Frage ›Musst du schon wieder rauchen?‹ oder ›Du hast vor einer Stunde erst eine geraucht …‹ und so weiter, und so fort.
Dann der Höhepunkt: Es war an der Zeit, meine Pfeife zu bekommen, die indianische Zeremonienpfeife. Sabrina ergriff die Gelegenheit und erklärte mir, dass ich die Pfeife erst bekommen würde, wenn ich zu rauchen aufhörte.
Nur als Anmerkung: Bei Sabrinas Pfeife wurde ihr vom Spirit gesagt, dass Sie, Sabrina, ihre erst bekäme, wenn sie mit dem Rauchen aufhörte, was sie dann auch sofort tat. Ich hatte nie das Gefühl, dass das bei mir ebenfalls stimmt.
Monate später gestand sie mir, sie habe mich nur zum Aufhören bewegen wollen.

Obdachlose.
Das war sehr nervig und peinlich: Man geht mit jemandem spazieren, und alle zehn Meter bleibt man stehen, um mit einem Obdachlosen zu reden oder ihn zu umarmen. Das hat sich inzwischen auf ein normales Maß reduziert. Und wenn sie darauf angesprochen wird, dass jemand Hunger hat, gibt sie ein Frühstück oder Mittagessen aus.

Das Highlight: die Abfallphase.
Man soll seinen Abfall nicht auf die Erde werfen, das wissen wir alle. In unserer Familie wird das auch nicht gemacht. Doch wenn man mit Sabrina vor etwa vier Jahren spazieren ging, kam man nicht sehr weit, da sie Müll immer aufhob. Wenn ich schreibe ›immer‹, meine ich ›immer‹. Jedes kleine oder große Fitzelchen, egal, ob im Wald oder in der Stadt.
Es kam vor, dass sie mit zwei prall gefüllten Tüten voll Dreck zurückkam. Es war auch sehr lustig, dass Sie nie mit Plastiktaschen das Haus verlassen hatte. Diese fand sie ebenfalls auf ihren Spaziergängen.
Einmal, als sie bei mir war und im Wald und am Wegesrand Abfall gesammelt hatte, drei Tüten voll, hielt ein Autofahrer an, um sie mitzunehmen. Sie war sehr froh darüber, denn der Dreck hatte ein ziemliches Gewicht.
Es war ein älterer Imker, der sie nach Hause gefahren hat. Später kam er zu uns, um sie zu besuchen und ihr Avancen zu machen. Darauf ist sie aber leider nicht eingegangen, sonst hätte ich heute ausgezeichneten Honig frei Haus.

Als mich Sabrina gebeten hatte, aufzuschreiben, was mich auf ihrem spirituellen Weg am meisten genervt hat, dachte ich, dass es unheimlich viele Dinge waren. Erst beim Schreiben ist mir aufgefallen, dass es doch gar nicht so viele waren.
Aber mir fiel auf, dass ich in meiner Anfangszeit auch einigen Freunden ziemlich auf die Nerven gegangen sein muss. Eine meiner ältesten Freundinnen hat mir sogar einmal angedroht, mir das Haus zu verbieten, falls ich das Wort ›Engel‹ noch einmal benutzen würde. Wir sind immer noch befreundet.«