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Die Zweite Geburt

Es war der 13.05.1999.

An diesem Tag machte ich mich auf, eine Frau zu besuchen, die ich im heutigen Technologiezeitalter im Internet kennengelernt hatte. Nach zahlreichen stundenlangen Telefonaten, die wir geführt und etlichen ausführlichen emails, welche wir uns gegenseitig geschrieben hatten, entschlossen wir uns zu einem persönlichen Treffen. Selbst an der jeweiligen Stimme und an der Art, wie jeder von uns schreibt, erkannten unsere Seelen einander. Es war einer dieser berühmten "Zufälle", jemanden oder etwas zu finden, besonders dann, wenn man überhaupt nicht auf der Suche ist. "Zufällig" hatten sie und ich auch noch viel gemeinsam, insbesondere was die Meinungen, Einstellungen zum Leben und die Gefühlswelt angehen.

Am 13.05., also zu Christi Himmelfahrt, machte ich mich auf, diese Frau zu besuchen. Ich fuhr sehr früh mit meinem Wagen los, weil ich eine Strecke von ca. 450km vor mir hatte. Als wir uns dann trafen, waren wir beide erst einmal verständlicherweise sehr nervös. Wir beide versuchten auf unsere Art, zunächst für etwas Entspannung, lockere Atmosphäre und Ungezwungenheit zu sorgen. Wir wußten aber beide ganz genau, daß es kein gewöhnliches Treffen war oder werden konnte. Irgendwann hatten wir uns etwas beruhigt und konnten über die wesentlichen Dinge sprechen, die Gefühle.
Wir sprachen über unsere Erfahrungen, über unsere Gefühle, was uns bewegt und konnten auch in der relativ kurzen Zeit eine kleine Vertrauensbasis aufbauen. So kamen wir uns dann auch etwas näher und durften für einen Moment Gefühle des übermäßigen Glücks und der Zufriedenheit erfahren. Obwohl dieser kurze Moment im Vergleich mit der Ewigkeit sicher noch weniger als ein Hauch ist, empfand ich es als ein Teil des absoluten Glücks, der vollkommenen Liebe und des nie erlöschenden ewigen Lichts.

Es fielen die letzten Steine unserer Mauern, mit denen wir unsere Seelen eingesperrt hatten. Unsere Seelen, die so lange traurig hinter kalten Steinen hausen mußten, begriffen erst gar nicht, daß sie jetzt wieder fliegen konnten. Etwas unsicher und leicht verwirrt versuchten sie sich wieder daran zu erinnern, wie es in allen Zeiten ist, zu fliegen. Es wurde sehr hell im Zimmer...

Diese Unsicherheit, die Gefühlsexplosionen und die Einmischung des Verstandes waren die Ursachen für unsere anschließende eigene Unsicherheit, die sich in mangelndem Vertrauen zeigte. So wollte sie aufgrund von Erfahrungen nicht, daß ich die Nacht zusammen mit ihr übernachte. Sie bot mir zwar an, alleine bei ihr zu bleiben. Sie wäre dann zu ihrer Mutter gefahren, aber das wollte ich wiederum nicht. Ihre Unsicherheit übertrug sich dann auf mich, was kein Wunder ist, denn als sich unsere Seelen berührten, wurden wir eins. Der Gedanke, in meinem Wagen zu übernachten, in ein Hotel zu gehen oder zu meinen Eltern, die ganz in der Nähe wohnen, wollte mir nicht kommen bzw. wollte nicht von mir akzeptiert werden. Wahrscheinlich war ich aufgrund ihres Vorschlages beleidigt und gekränkt, wie ein bockiges stures Kind, das nicht das bekommen hatte, was es wollte.

Tief in der Nacht, gegen 01.00 Uhr morgens am nächsten Tag (14.05.) merkte ich meine Müdigkeit, da ich auch in der Nacht zuvor kaum geschlafen hatte. Also stimmte ich zu, doch bei ihr alleine zu bleiben. Jedoch wollte sie so spät nicht mehr bei ihrer Mutter anrufen. So glaubte ich, daß nur noch eine einzige Alternative übrig blieb : die Strecke wieder zurück zu fahren... Das hieß für mich eine gesamte Strecke von ca. 900km in kürzester Zeit zu fahren, eine Nacht dazwischen ohne Schlaf. Ich erinnerte mich an vergangene Momente, die ich auch ohne Schlaf gemeistert hatte. Zudem vertraute ich auf den Schutz meines Schutzengels Jasmina. Diese Frau, die ich aus Anonymitätsgründen mit F. bezeichnen möchte, sagte mir auch noch weitere Unterstützung zu, weil sie Kontakt zu ihrem verstorbenen Vater aufnahm, welcher sich schließlich mit meinem Schutzengel zusammenschloß, um über mich zu wachen. Trotz allem sollte ich aber nun nicht unvorsichtig werden und blind auf den Schutz der Engel vertrauen. Ich nahm diesen Rat sehr ernst.

Mit dem großen Versprechen auf den Lippen, uns so schnell wie möglich wiederzusehen, verabschiedeten wir uns voneinander. Meine Strategie auf der Rückfahrt war so, daß ich immer, wenn ich Müdigkeit verspürte, an eine Tankstelle fuhr, einen Kaffee trank und mit F. am Telefon sprach. Ich hielt mich streng und selbstdiszipliniert an meine Strategie. Als ich noch ca. 20km vor mir hatte, verzichtete ich auf eine Pause, weil ich kurz vor dem Ziel war. Um die Zeit zu verkürzen, fuhr ich mit meinem Wagen Höchstgeschwindigkeit, ca.180km/h.

Ungefähr 10km vor der Autobahnausfahrt fielen mir bei einem Überholmanöver für einen Bruchteil einer Sekunde die Augen zu. Ich kam in taufrisches Gras verlor den grip der Reifen auf der leicht feuchten Straße und konnte den Wagen bei dieser Geschwindigkeit nicht mehr kontrollieren.

Der Wagen brach nach rechts aus. Eine instinktive Reaktion meinerseits, indem ich mit dem Steuerrad gegenlenkte, verhinderte das Überschlagen des Wagens. Dennoch hatte ich die absolute Kontrolle über den Wagen verloren. Ich sah die Leitplanke auf mich zukommen. Ich schloß die Augen und wartete auf den Aufprall. In diesen Sekundenbruchteilen vor dem Aufprall dachte ich voller Neugier daran, wo ich wohl aufwachen würde, in welcher Form und an welchem Ort... Es kamen mir dabei jedoch auch noch andere Bilder in den Sinn. Ich dachte an meine Eltern und an F. und einige andere, die mich sehr vermissen würden und unendlich traurig wären, wenn ich jetzt von dieser Welt ginge. Diese Frage nach dem Bleiben oder Gehen konnte aber in diesen Augenblicken nicht mehr von mir beantwortet werden. Dann erfolgte der Aufprall. Nach einer kurzen Zeit erfolgte ein zweiter Aufprall.

Nach dem zweiten Aufprall war mir so, als ob jemand zu mir sagte : "Mach' die Augen auf !" Ich öffnete die Augen und wiederum in Sekundenbruchteilen wunderte ich mich, daß ich immer noch hier war und bin, absolut unverletzt war und auf der linken Autobahnspur als Geisterfahrer stand. Wieder glaubte ich, eine Stimme zu hören : "Starte den Motor !" Wie von einer anderen Hand geführt startete ich den Motor, der auch ansprang. So konnte ich auf den Seitenstreifen fahren. Dann kam der Schock. Ich zitterte am ganzen Körper und sah mir erst einmal den Wagen an. Der Wagen war vorne an der Fahrerseite bis kurz vor der Windschutzscheibe eingedrückt worden. Den Motor konnte man nicht mehr als solchen bezeichnen. Hinten war der Wagen beim zweiten Aufprall ebenfalls eingedrückt worden. Mit einem Wort : ein Schrotthaufen. Ich rief F. an, die es in dem Augenblick des Unfalls auch gespürt hatte (F. hat z.B. Vorahnungen).

Trotz meiner verständlichen körperlichen Reaktionen konnte ich normal denken. Mir kam es auch so vor, als ob an dieser Unfallstelle der Himmel voller Licht und Gesang war. Es waren sehr viele Engel an diesem Werk beteiligt. Für Jasmina alleine war der Job zu schwer. F. erzählte mir, daß auch ihr verstorbener Vater an der Rettungsaktion beteilgt war. Ich weiß nicht genau, von wo die ganzen Engel herkamen und wer genau sie geschickt hatte, aber ich wußte, daß mit dem Ende des Wagens, den ich als "Schrottopfer" für F. bezeichnete, mein Leben ganz anders aussehen würde.

Anfangs dachte ich sehr viel über die Aufgaben hier auf Erden nach, die ich wohl noch zu erledigen habe. Teilweise war es mir sogar peinlich, daß sich so viele Seelen darum bemühten, mich hier auf diesem Planeten zu halten.

Dann mußte ich sehr intensiv an F. denken. Ja, durch diese Erfahrung hatte ich Gewißheit bekommen. Es ist meine einzig wahre Liebe. Ich verlor die Unsicherheit ihr gegenüber. Sie vertraute mir dadurch auch voll und ganz. Mir zu vertrauen war das größte Geschenk, das sie mir jemals hätte reichen können... Ich dachte auch an die Zukunft, wie schön es doch werden könnte, mit ihr zusammen zu sein.

Ich verlor auch die Angst vor dem Morgen, denn alles, was ich mache oder besser jede Seele, der ich begegne, hat einen tieferen Sinn. Angst vor dem Tod hatte ich noch nie gehabt, aber es war wohl auch ein deutliches Zeichen dafür, daß ich mein Leben bewußter leben sollte, jeden einzelnen Augenblick. Wenn ich jetzt an den Begriff "Tod" denke, muß ich mit dem Kopf schütteln und lächeln. Nein, ich hatte ja gar keine Chance zu "sterben", denn andere Kräfte sagten : "Ohhhhhhhhhhh nein, soooooo früh geht das nicht, my dear !"

Ich glaube, meine gerade frei gelassene Seele war mit diesen Erfahrungen ganz schön überfordert, denn sie reagierte insbesondere kurz nach dem Unfall auf Worte und Emotionen mit gewaltigen Gefühlsexplosionen, die gegen meine eigene Brandung knallten und mich teilweise sogar umwarfen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich versuchte, sie zu beruhigen und sprach zu ihr : "Bitte beruhige Dich wieder! Es ist alles in Ordnung. Fühle das wundervolle Licht und die grenzenlose Liebe! Hülle Dich darin ein wie in einen Schutzmantel. Alles ist gut." Ich erkannte meine eigene Seele zuerst aber nicht wieder, weil ich solche Erfahrungen noch nicht erlebt hatte. Sie brauchte Zeit, das merkte ich.

Jedoch war eine schlecht gewählte extreme RE-AKTION meinerseits der Anfang vom Ende, was meinen Kontakt zu F. anging. Natürlich ging es nur um Kleinigkeiten, aber auch solche kann man ja sehr einfach von Minimücken zu ultimativen Megaelefanten wachsen lassen.

Selbst einen wundervollen Rat von einer Seele, die ich sehr schätze (OHNE zu vegleichen), klebte ich mir auf ein großes Pappschild an meine Tür, um den Versuch zu starten, meine Gefühle mit dem Verstand und meinen Handlungen wieder zu harmonisieren. Eine message auf meinem Anrufbeantworter brachte diese Harmonisierung für eine kurze Zeit zustande. Worte können jedoch nicht mehr rückgängig gemacht werden, weder Worte noch Gedanken, in keiner Zeit... Eine gewaltige Erfahrung!

Glücklicherweise sperrte ich trotz allem meine Seele nicht wieder ein. Es gilt für mich, meine alten Verhaltensmuster abzulegen, Vertrauen und Verzeihen zu lernen. Wenn ich diese zwei V's eines Tages gelernt habe, wird meine Seele nicht mehr ihren Zickzack-Kurs fliegen, sondern ihre Schwingen ausbreiten und sanft im Hauch des Windes der Liebe und dem Licht entgegenschweben...

Dieser Tag, der 14.05.99, war für mich ein außergewöhnlicher Tag. Ich bin unendlich dankbar, noch hier sein und lernen zu dürfen. Auch wenn meine Handlungen vielleicht nicht immer meinem Wissen und Gewissen entsprechen, so werde ich jedenfalls eins machen : Ich werde den 14.05. als meinen zweiten Geburtstag feiern, denn es war nicht irgendein Tag, sondern es war der Tag der Engel für mich, der Tag meiner zweiten Geburt.